Kurdistan: Es geht um Solidarität mit Menschen, die kämpfen!

Interview mit Nilüfer Koç, Ko-Vorsitzende des Kurdischen Nationalkongresses, einem Zusammenschluss von 45 kurdischen Organisationen, vom 25. August 2014. Nilüfer Koç befindet sich gegenwärtig in Erbil (Irakisch-Kurdistan).

Interview Nilüfer Koc

Kamen die Angriffe der ISIS/„IS“ („Islamischer Staat“) auf Sindschar überraschend?
Nachdem ISIS im Irak die Stadt Mossul eingenommen hatte, hat sie systematisch ihre Expansionsbestrebungen auf Irakisch-Kurdistan gerichtet. Seit zwei Jahren versuchte man die kurdische Autonomie, die in Rojava ausgerufen wurde, von der Landkarte wegzubekommen. Allerdings ist es der ISIS nicht gelungen, die Demokratische Autonomie von Rojava zu besiegen. Weshalb sie jetzt ihren Krieg auf Irakisch-Kurdistan verlagert hat.
Etwa zwei Wochen vor der Einnahme von Mossul hat die ISIS versucht, die gesamte Grenzlinie zwischen Syrien und dem Irak einzunehmen. Zwei Wochen, bevor Sindschar angegriffen wurde, hatten bei den Kämpfen an diesen beiden Frontlinien die YPG (Volksverteidigungskräfte Rojavas) und YPJ (Einheiten der Frauen) die ISIS dort zurückgeschlagen. Der Angriff auf Sindschar war also auch ein Racheakt.
Die ISIS hatte vor, nach Mossul auch Sindschar einzunehmen und von da aus sich weiter über Kirkuk/Erbil und weiter zentral nach Irakisch-Kurdistan sowie Irak zu verlagern.
Die PKK hatte bereits lange Zeit, bevor die ISIS Sindschar angegriffen hat, die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) unter Führung Barzanis über diese Absichten informiert und sie darum gebeten, dass das Gebiet um Sindschar gesichert wird. Die KDP hatte zugesichert, es würde keine Probleme geben.

Wer stoppte schließlich die Angriffe auf die Menschen in Sindschar – die USA, die Peschmerga-Einheiten, oder waren es die YPG-Truppen gemeinsam mit der PKK-Guerilla?

Ich war zu der Zeit in Erbil und habe persönlich die ganzen Entwicklungen Stunde für Stunde mitbekommen. Als in der Nacht zum 3. August Angriffe auf Sindschar stattfanden und die Peschmergas der KDP nicht in der Lage waren zu verteidigen, konnten die Gruppen der YPG und YPJ, die in der Nähe waren, schnell intervenieren.
Das erste, was diese kleineren Einheiten gemacht haben, war der Versuch, einen sicheren Korridor von der Stadt in die Bergregion zu eröffnen. Durch ihren Begleitschutz konnten Tausende von Menschen Schutz in den Bergen finden. Am dritten Tag gab es Verstärkung, als die PKK ihre eigenen Einheiten dorthin geschickt hat im Einvernehmen mit der kurdischen Regierung und damit auch der KDP.
Die Peschmergas sind nicht ausgerüstet gewesen für einen Kampf gegen eine terroristische Organisation wie die ISIS, denn diese wenden Guerillataktiken an. Zum anderen haben die YPG/YPJ und die PKK mehr Erfahrungen mit der ISIS aus dem zweijährigen Kampf gegen diese terroristischen Einheiten. Sie waren flexibler, waren fähiger gewesen, diese zu bekämpfen.
Die Intervention der USA war sehr, sehr spät. Erst als die YPG/YPJ und die PKK breite Flächen von Sindschar unter Kontrolle hatten und bereits angefangen hatten, yezidische Kurden für die Selbstverteidigung zu trainieren. Weder in Sindschar noch in Maxmur war die Intervention der USA der ausschlaggebende Punkt. Die USA schickten am vierten Tag ihre Kriegsflugzeuge, als die ISIS ohnehin zum größten Teil überwunden war. Die Flugzeuge waren zur Einschüchterung der ISIS geschickt worden. Aber diesen Kampf haben eindeutig die Kurden gewonnen. Und zwar muss ich sagen, es sind die Guerilla der PKK, die Peschmergas der KDP und PUK (Patriotische Union Kurdistans), die gewonnen haben. Später dann mit der Unterstützung der YPG/YPJ ist es gelungen, das Gebiet innerhalb von zwei Wochen zum größten Teil von der ISIS zu befreien.

Inwieweit gelingt es, eine gemeinsame antifaschistische Front gegen die faschistischen Terrortruppen aufzubauen?

Die Schmerzen, die wir als Kurden in den Morden in Sindschar erfahren haben, haben uns dazu veranlasst, nach dem Angriff auf Maxmur am 7. August anders heranzugehen. Und zwar in koordinierter Arbeit das Gebiet zu verteidigen. Da ist es zum ersten Mal dazu gekommen, dass auf Drängen der PKK die KDP und die PUK gemeinsam Maxmur geschützt und verteidigt haben, das war ein Erfolg. Der Erfolg lag mehr im Politischen und Sozialen. Sobald die Menschen in Erbil und anderen Städten Irakisch-Kurdistans erfahren haben, dass die ISIS jetzt nach Maxmur vorgerückt ist, 45 Minuten von Erbil entfernt, haben die Menschen angefangen, Erbil in der Nacht zu verlassen. Aber als sie am nächsten Morgen erfuhren, dass gemeinsam gekämpft wird, sind die Menschen zurückgekommen und haben gesagt, wenn die PKK da ist, dann sind wir geschützt.
Das gleiche fand in Kirkuk, statt, wohin die PKK ihre Guerilla im Einvernehmen mit der kurdischen Regierung geschickt hat. Es wird jetzt versucht, an vielen Fronten gemeinsam Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Ich denke, der Erfolg geht nicht nach Washington, sondern an die Kurden selbst. Natürlich war es wichtig, dass internationale Unterstützung im humanitären Bereich sofort zugesagt worden ist. Also es gab eine immense Solidarität, auch von NGOs von der Zivilgesellschaft in Europa. Aber auch aus der Haltung der Staaten kommt die Botschaft heraus, das ist jetzt zu viel.
Die ISIS muss radikal bekämpft werden und deswegen ist es wichtig, dass die Völker, sobald sie mit der ISIS konfrontiert werden, in der Lage sind, sich zu schützen. Das wird über Milizen gemacht werden, Freiwillige, die sich bereit erklären, sich zu organisieren. Tausende von jungen Männern und Frauen werden jetzt in Sindschar ausgebildet, eine Milizenschaft mit dem Namen YBS (Einheit der kurdischen Ezidi), ein natürlicher Selbstschutzmechanismus.

Was sind die besonderen faschistischen Terrormethoden der ISIS/“IS“?
Bei der ISIS basiert ihre Kriegsführung zu einem großen Teil auf psychologischer Manipulation, das heißt, bevor sie kommen, geben sie bereits ihren Ruf über die sozialen Medien an die Menschen: „Wir kommen, um zu schlachten und eure Frauen zu rauben!“. Und es werden Aufnahmen von solchen brutalen Morden gezeigt. Dieses Konzept sieht vor, dass man zunächst die Moral des Gegners bricht und einen Angstzustand erzeugt. Militärstrategisch setzt die ISIS auf die Strategie, einen Krieg ohne zu kämpfen zu gewinnen. Ihre Kämpfer richtet sie ideologisch auf den Salafismus aus. Es geht hier um einen unvorstellbaren Fanatismus, bei der die ISIS sehr viele Selbstmordattentäter rekrutieren kann.
Den Peschmergas ist die ISIS mit dieser Identität fremd. Das war leider einer der Gründe, warum die Peschmergas, ohne die Leute zu schützen, diese am 3. August am frühen Morgen verlassen haben und nur sich selbst retten wollten. Die ISIS mit ihrer Einschüchterungsmanipulation verübt nach eigenen Aussagen „in der Tradition des orthodoxen Islam“ brutale Akte, die im Grunde nichts mit dem Islam zu tun haben. Die ISIS nährt den Boden für Islamophobie.
Eine der wichtigsten Einschüchterungsmethoden der ISIS ist der Raub von Frauen und Vergewaltigung, auch weil sie wissen, dass Frauen in unserer Region, also auch in Irakisch-Kurdistan, als Ehre der Familie, des Stammes und des Mannes gelten. Diese systematischen Vergewaltigungszeremonien und Raub von Frauen sind Bestandteil ihres Verständnisses von Kriegsbeute, was sie als „ganimet“ bezeichnen. Dadurch schüchtern sie die Menschen ein, nicht Widerstand zu leisten, denn die Message ist, „wenn ihr Widerstand leistet, wird das euren Frauen passieren“. Wir sprechen hier von einem systematischen Feminizid, d. h sexistischem Terror. Geraubte Frauen und Kinder (Mädchen) werden auf öffentlichen Auktionen in Mossul und Tel Afar versteigert.
Sobald man hört, die ISIS ist irgendwo in der Nähe, fliehen die Menschen. Dem waren weder die Peschmergas noch die politischen Parteien noch die Bevölkerung Irakisch-Kurdistans gewachsen, weil sie in den letzten zwei Jahren zum größten Teil die Augen gegenüber den Entwicklungen im syrischen Teil Kurdistans geschlossen hatten. Bis auf einige Parteien wie die PUK (Patriotische Union Kurdistans).
Außerdem hat die KDP ein strategisches Bündnis mit der Türkei. Deshalb war sie relativ gelassen, weil sie davon ausging, das Bündnis mit der Türkei würde sie vor ISIS-Angriffen schützen, da die Türkei über verschiedene Wege die ISIS unterstützte.

Eine Frage wird in den Medien in Deutschland meist ausgeblendet: Wer unterstützt eigentlich die ISIS/„IS“ und warum?
Die Türkei war einer der Unterstützer der ISIS. Die Türkei hatte von vornherein die Konzeption, „wir werden es verhindern, dass die Kurden in Syrien eine Autonomie erlangen“, und hat dieses auch, zuvor über die Al Nusra, aber seit einem Jahr über die ISIS versucht zu verhindern. Die ISIS ist ein Instrument der sogenannten sunnitischen Front, die im Hintergrund von verschiedenen Staaten unterstützt wird, auch westliche Staaten sind indirekt mit im Boot. Die Frage ist, wer finanziert die ISIS? Woher bekommt sie diese ganzen Waffen? Sie verfügt über schwere Artillerie und diese Artillerie ist nicht nur aus Mossul. Vor Mossul hat sie auch mit schwerer Artillerie in Syrien gegen die Kurden gekämpft. Woher kommen die ganzen Kämpfer, wie können sie die Grenzen einfach problemlos passieren? Die Grenze von der Türkei nach Syrien, die Grenze vom Irak nach Syrien. Wer erlaubt es ihnen? Die Grenze von der Türkei nach Syrien ist sehr stark kontrolliert, wie passiert es dann, dass sie so freien Lauf haben, die Grenze zu passieren? Oder die meisten fliegen über Istanbul aus europäischen Ländern ein. Warum werden diese Anwerbungen in europäischen Ländern nicht verhindert? Während die Türkei als NATO-Mitgliedsstaat die ISIS unterstützt, spricht man von der finanziellen Unterstützung aus Saudi-Arabien, Jordanien, Katar, den Golfstaaten. Alle diese Staaten sind enge Bündnisstaaten der USA und auch der EU.
Zwei Jahre lang haben sowohl die USA als auch viele europäische Staaten vor dem Terror der ISIS in Rojava die Augen zugedrückt. Und die Türkei ist auch nicht ausreichend gerügt oder kritisiert worden, wegen ihrer Haltung zur Unterstützung der ISIS oder anderer Staaten. Aber das Problem der ISIS ist noch lange nicht geklärt, weil sie ein Instrument ist. Jeder kann sie missbrauchen, der Einfluss auf die ISIS hat, inklusive auf indirekte Weise westliche Staaten. Dieses Instrument richtet sich dagegen, dass es zu einem neuen arabischen Frühling kommt oder einem kurdischen Frühling oder einem assyrischen Frühling. Dieser Krieg ist ein Krieg gegen die Völker, gegen die Frauen hier in der Region.
Ein anderes Problem hier ist, dass die ISIS in Irakisch-Kurdistan gefördert, unterstützt und auch politisch gelenkt worden ist von ehemaligen Saddam-Anhängern, ehemaligen hochrangigen Offizieren aus der Saddam-Armee. Diese fanden Nährboden bei den sunnitischen Arabern, die aufgrund der schiitischen irakischen Maliki-Regierung sowohl politisch als auch wirtschaftlich diskriminiert wurden. Das heißt, die wirtschaftliche Lage der sunnitischen Araber in Städten wie Felluca, Anbar und Mossul war sehr schlecht. Das heißt, die politische und wirtschaftliche Diskriminierung hat zu einem Elend unter diesen Menschen geführt, was auch eine Basis für die Unterstützung der ISIS geschaffen hat. Nach den landesweiten Wahlen im Irak im April hatte Maliki erneut Stimmen zugelegt. Die Reaktion der sunnitischen Araber waren die Aufstände in Felluca und Anbar. Es war eine Frage der Zeit, dass Ähnliches in Mossul hätte passieren können. Die ISIS-Führung besteht zum größten Teil aus irakischen Arabern, die hohe Ämter während Saddam bekleideten und aus dem Irak nach Syrien geflohen waren. Die Grundsteine der ISIS sind einst im Irak gelegt worden. ISIS konnte die sunnitisch-arabischen Stämme für sich gewinnen, da sie ihnen „ganimet“, also Kriegsbeute und erneute sunnitische Herrschaft, versprach. Gerade auch in Sindschar wurden viele sunnitisch-arabische Stämme dadurch motiviert, dass sie teilhaben werden an der Kriegsbeute. Dazu zählte nicht nur Eigentum von den Kurden, sondern auch die Frauen und Kinder der Kurden. Das ist einer der Gründe gewesen, warum man viele der sunnitisch-arabischen Stämme motivieren konnte.
In Syrisch-Kurdistan hat man ein anderes „Experiment“ vorgenommen. Alle Völker dort, alle Religionsgemeinschaften sind nicht über eine kurdische Führung politisch entmündigt worden, sondern das Gemeinsame ist in den Vordergrund gestellt worden. Auch viele sunnitische Araber sind im syrischen Teil Kurdistans mit in diesem autonomen Kanton, sitzen in Entscheidungsgremien. Im Irak entwickelt sich unter Kurden und anderen Nicht-Arabern dagegen eine anti-arabische Stimmung und das ist sehr problematisch dort. Es ist zwar ein Fakt, dass viele arabische Stämme gerade bei den Morden an den Yeziden mitgemacht haben, aber genauso gab es auch in Maxmur, das nach Sindschar angegriffen worden ist, nachbarschaftliche Verhältnisse. Aber aufgrund dieser Geschichte mit der Kriegsbeute ist es dann so gewesen, dass viele Araber mitgemacht haben bei den Morden an den Kurden. Für uns vom Kurdischen Nationalkongress ist es nach wie vor wichtig, die Menschen im Sinne der Völkerfreundschaft aufzuklären und zu organisieren.

Interview aus „Rote Fahne“: http://www.rotefahne.info



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