Rezension: Katarina Bader – Jureks Erben

Rezension des Buches von Katarina Bader „Jureks Erben. Vom Weiterleben nach dem Überleben“

Eine „merkwürdige“ Freundschaft entsteht im Herbst 1998, als die 18-jährige Redakteurin einer Schülerzeitung, Katarina Bader, in der Jugendbegegnungsstätte Ausschwitz den fast 80-jährigen Jerzy Hronowski kennenlernt, den alle Jurek nennen.

Sie, auf dem schwäbischen Dorf aufgewachsen, gut behütet in einer politisch fortschrittlichen Familie, ist fasziniert von der charismatischen Persönlichkeit Jureks, der als Zeitzeuge deutsche Jugendgruppen durch das Konzentrationslager Auschwitz führt, in das er selber als Jugendlicher deportiert worden war, in dem er vier Jahre durchlitt – und überlebte. Ihre berührende Begegnung ist es wohl, die Katarina Bader anstößt, in Krakau Polnisch zu lernen, ein Geschichtsstudium aufzunehmen, immer begleitet von Jurek als erzählendem, kritischen, großväterlichen Freund.

Erst als sie 2006 mit nur einer Handvoll Trauergästen an Jureks Grab steht, wird ihr deutlich, wie einsam ihr Freund gewesen sein musste. Sie setzt sich auf seine Spuren, reist herum, spricht mit Mithäftlingen, Freundinnen und Freunden, erfährt wie intensiv er Freundschaften schloss, aber wie heftig er sich mit fast allen ihm Nahestehenden auch zerstritten hatte – bis hin zu seinem in die USA ausgewanderten Sohn Tomek, dem er ein schlechter Vater war, einer, der nach all dem Grauen „nicht mehr lieben konnte“.

Katarina bauer lernt Jurek in all seiner Widersprüchlichkeit immer besser kennen, tiefer verstehen – ohne alle Fragen klären zu können. Aber sie lernt auch viel als Historikerin, über die Intensität, aber auch Subjektivität erzählter Geschichte von Zeitzeugen, die ihre „Wahrheit“ oft in erstaunlicher Vielfalt veriieren. So stellt sie fest, dass Jurek seine (aus Tonbandabschriften in dem Buch ausführlich dokumentierten) Zeugeberichte im Lauf der Jahre immer wieder änderte. Er versah sie mit einem Funken Hoffnung – wo es gegenseitige Hilfe, Solidarität, aber auch manchmal glückliche Umstände im Unglück gab. Vielleicht tat er es, weil er seinen jugendlichen Zuhörern „den Glauben nicht nehmen“ wollte, vielleicht aber auch, weil manches aus dem grauenvollen Erleben im Konzentrationslager niemals ganz ins Bewusstsein gehoben werden durfte, im wahrsten Sinne des Wortes „unsäglich“ bleiben musste.

Dies ist kein weiteres unter sicher vielen Büchern über Auschwitz und die deutsch-polnische Geschichte. Es ist ein besonderes und besonders empfehlenswertes Buch. Fesselnd geschrieben, vermittelt es überzeugend, dass der Kampf um Freiheit und Menschenwürde selbst unter unmenschlichste Bedingungen nicht aufhört. Es bezeugt nicht nur den Mut derer, die diesen Kampf geführt haben, sondern ermutigt auch sich daran zu orientieren.

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