Antikriegstag in Wiesbaden: Rede Kurdisches Gesellschaftszentrum Mainz

Seit der Beendigung des kurdisch-türkischen Friedensprozesses durch die Erdogan-Regierung am 24. Juli 2015 ist ein neuer totaler Krieg gegen KurdInnen und Kurden ausgebrochen.

In den kurdischen Provinzen und Landkreisen wie Varto (Gimgim), Semdinli (Semzinan), Silvan (Farqin), Yüksekova (Gever), Nusaybin (Nisebin) und Lice (Piran) wurde der Ausnahmezustand ausgerufen.

Tagtäglich werden Dörfer bombardiert, Menschen, darunter zahlreiche Kinder, auf offener Strasse Seitens der Türkischen Polizisten und Soldaten erschossen, Wohnungen und Häuser gestürmt, beschossen und zahlreiche Zivilisten festgenommen.

Laut aktuellen Meldungen sind in den letzten drei Wochen inzwischen 47 Menschen ermordet worden, darunter der 7-jährige Baran Cagli, welcher brutal mit mehreren Schüssen auf offener Strasse ermordet wurden.

Neben den Morden an unschuldigen Zivilisten, werden auch wertvolle Naturschätze zerstört.

Vor allem in den Provinzen Dersim (Tunceli), Şirnex (Şırnak) und Amed (Diyarbakır) werden seit Wochen ganze Waldlandschaften Seitens der türkischen Armee in Brand gesteckt.

Es ist kein Zufalls, dass genau in den Gebieten die Wälder (mit ihrer einzigartigen Faune, ihrer einzigartigen Tierwelt) in Brand gesteckt werden, welche kurz zuvor Seitens der Türkischen Regierung zu „Sicherheitsgebieten“ erklärt werden.

Es ist ein deutliches Zeichen für eine ausgeweitete Vernichtungsstrategie, welche an die Kriegsstrategie der 90er Jahre erinnert.

Auch damals wurden Gebiete Seitens der Türkischen Regierung zu Sicherheitsgebieten erklärt, der „Ausnahmezustand“ ausgerufen, hunderte Dörfer bombardiert, Massenmorde an unschuldigen Zivilisten durchgeführt und zahlreiche Wälder in Brand gesetzt.

All diese Morde, diese Vernichtungspolitik der Türkischen Regierung, all dieses Leid, bei welchem sowohl Soldaten als Kinder mittelloser Familien sterben, bei welcher Guerillakämpfer der HPG ihr Leben lassen, bei welcher unschuldige Zivilisten ermordert werden, ereignen sich, weil die AKP-Regierung den Erfolg der HDP-Partei, den Erfolg derjenigen Menschen, welche an eine Demokratie glauben, nicht akzeptiert.

Diese Grausamkeiten erfolgen nur, weil die AKP-Regierung ihre Wahlniederlage am 07. Juni 2015 nicht akzeptieren möchte.

Und diese Brutalität der Türkischen Regierung setzt sich dramatisch fort.

Laut Untersuchungen des Menschenrechtsvereins IHD sind allein zwischen dem 27. Juli und 28. August 2015, d.h. innerhalb von 37 Tagen insgesamt 47 Zivilisten Seitens der Türkischen Polizei und der Türkischen Armee auf offener Strasse ermordet worden.

Im selbigen Zeitraum sind insgesamt 98 Polizisten und Soldaten umgekommen.

Innerhalb dieser 37 Tage wurden Seitens der Türkischen Polizisten 2.544 Festnahmen und daraus 338 Verhaftungen durchgeführt, darunter 10 Kinder.

Unter diesen 338 Verhaftungen wurden 305 Zivilisten unter dem Vorwand der Mitgliedschaft der HDP, PKK und YPG verhaftet.

Unter diesen 338 Verhafteten befindet sich nur 33 Anhänger des IS (des Islamischen Staates), gegen welchen die Türkische Regierung angeblich anfangs vorgehen wollte.

Angeblich, weil das Vorgehen gegen den IS nur ein schlichter Vorwand war, um zu versuchen, die PKK und die kurdische Bevölkerung im eigenen Land zu vernichten.

Zahlreiche PKK Stellungen wurden bombardiert, zahlreiche Dörfer, in welchem nachweislich Zivilisten leben, wurden ebenfalls bombardiert und bewusst in Brand gesteckt.

Dies sind die Ergebnisse eines einzigen Monatsberichtes, eines Monates inmitten von einem Krieg, welcher bereits in seiner brutalsten Härte andauert.

In diesem sich tagtäglich dramatisierenden und zuspiztenden Kriegsdrama wurde ein weiterer Schlag gegen die Menschlichkeit verübt.

Gegenwärtig sterben mehr Flüchtlinge auf den Strassen ihrer Flucht, es ertrinken mehr Flüchtlinge in den Meeren der Hoffnung als es bisher je geschah.

Die kriminelle Organisation der Schlepperkreise zeigt deutlich, wie gefährlich eine Flucht in den Westen, eine Flucht aus dem Tod in die erhoffte Sicherheit ist. Viele Flüchtlinge haben mit ihrem Leben gezahlt.

Viele Kinder, viele Frauen, viele Familien sind auf dem Weg Ihrer Flucht umgekommen, verhungert, ertrunken, erstickt.

Nicht durch den eigenen Leichtsinn, nicht durch einen Unfall, nein, sondern durch eine brutale kriminelle Schlepperorganisation, für welche der eigene finanzielle Profit deutlich vor der Sicherheit, vor dem Leben dieser Flüchtlinge steht.

Viele dieser Flüchtlinge sind vor dem Hungertod geflohen, viele vor dem Krieg in ihrem eigenen Land, viele vor den barbarischen Morden des IS.

Neben diesem Leid der Flüchtlinge, werde diejenigen, die es trotz aller Risiken bis nach Deutschland geschafft haben, von hirnlosen Rechtsköpfen angepöbelt, verbal und körperlich attackiert.

Hirnlose Rechtsköpfe urinieren auf unsere Flüchtlingskinder, belästigen unsere Flüchtlingsfrauen und führen auf offenen Strassen Hetzjagdten gegen unsere Flüchtlinge durch. Es sind unsere Flüchtlinge, unsere Menschen, unser Spiegelbild.

Es ist unsere menschliche Pflicht, diesen Menschen in ihrer Not zu helfen.

Es ist unsere verdammte Pflicht, diese Familien bei uns aufzunehmen,

Ihnen ein Leben in Sicherheit und Geborgenheit, ein Leben in Frieden zu bieten.

Wir Kurdinnen und Kurden wissen, was es bedeutet, in einem Land voller Leid und Krieg zu leben. Wir wissen, was es bedeutet, in Angst zu leben.

Wir wissen, was es bedeutet, zusammen mit seiner Familie, aus dem eigenen Land, aus seiner eigenen Heimat fliehen zu müssen.

Doch werden wir Kurdinnen und Kurden Seitens der deutschen Behörden

mit einer seit Jahren andauernden Kriminalisierungspolitik bedrängt, welche uns den inneren Frieden, die innere Ruhe verweigert.

Unsere Kinder werden Seitens Deutscher Polizisten bedrängt, belästigt und dazu gedrängt, als Spitzel für die Deutsche Polizei tätig zu werden.

Unseren Freunde und Kameraden wird der Aufenthaltsstatus verweigert,
nur, weil Sie Mitglied in einem kurdischen Verein ihrer Stadt sind,
weil Sie an einer Veranstaltung, an einer Demonstration,
an einer Sitzung teilnehmen.

Ihnen wird die Deutsche Staatsbürgerschaft verweigert, weil sie versuchen, sich sozial und politisch für einen Frieden in Kurdistan einzusetzen.

Diese Kriminalisierungspolitik, welche mit dem Verbot der PKK am 22. November 93 begann, ist eine Folge der innereuropäischen Verhandlungen und Profit-Handlungen hinter verschlossenen Türen.

Daher fordern wir:

Eine sofortige Beendigung der militärischen Unterstützung an die Türkei

Eine sofortige Abmahnung an die Türkische Regierung, alle polizeilichen und militärischen Angriffe gegen das eigene Volk zu beenden

Eine bessere, praktikable und humane Versorgung aller Flüchtlinge in Deutschland

Eine sofortige Reformierung der Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa

Eine sofortige Beendigung der Kriminalisierungspolitik gegen kurdische Mitbürger in Deutschland

Kurdisch Demokratisches Gesellschaftszentrum Mainz



In Gedenken an Ivana Hoffmann

Ivana Hoffmann

Termine zum Gedenken an Ivana Hoffmann:

Duisburg:

EUROPAWEITE DEMO ZUM GEDENKEN
AN DIE GENOSSIN IVANA

DEMO: Amtsgericht Homborn
(Duisburger Str. 220, 47166 Duisburg)
13:00 Uhr / 14.03.2015 Samstag

GEDENKVERANSTALTUNG: ab 15 UHR
Sultan Düğün Salonu
(Markgrafenstr. 130, 47166 Duisburg)

Berlin:

Demo: In Gedenken an Ivana Hoffmann

Freitag, 13.03.2015, 20 Uhr, U-Bhf Kottbusser Tor

Hier ist diese Veranstaltung auf Facebook: https://www.facebook.com/events/415244468642879/

Stuttgart:

„Um unserer jungen Kämpferin zu gedenken rufen wir alle solidarischen Menschen auf, sich an der Gedenkveranstaltung in Stuttgart zu beteiligen.“

Freitag, 13.03.15, 18:30 Uhr, Linkes Zentrum Lilo Herrmann,Böblinger Straße 105, 70199 Stuttgart

weitere Termine werden ggf. ergänzt



Internationalistin Ivana Hoffmann in Til Temir gefallen

Ivana Hoffman

Die 19- jährige deutsche Internationalistin mit afrikanischen Wurzeln Ivana Hoffman (Codename: Avaşin Tekoşin Güneş) hat als Kämpferin der MLKP ihr Leben im Kampf gegen den IS in Til Temir verloren. Im Folgenden veröffentlichen wir die vollständige Erklärung der MLKP:

„Unsere Genossin, unsere Waffenfreundin, die Quelle der Freude unserer Einheit Avaşin Tekoşin Güneş haben wir in Til Temir in die Unendlichkeit verabschiedet. Unser Schmerz ist groß. Unsere Wut so groß wie die Berge. Unsere kommunistische Genossin Avaşin mit afrikanischen Wurzeln in Deutschland geboren, ist um 3.00 Uhr morgens am 7. März in Til Temir bei einem Angriff der IS-Banden als Märtyrerin gefallen.

Gegen die seit Tage anhaltenden blutigen Angriffe der IS-Banden auf assyrische Dörfer in Til Temir hat unsere Genossin Avaşin in der vordersten Front mit ihrer Waffe Widerstand geleistet. Bei diesem Gefecht wurden dutzende Bandenmitglieder getötet. Unsere Genossin Avaşin hat bis zu ihrer letzten Kugel zusammen mit den Kämpfern der YPG-YPJ den Vorstoß der Banden gestoppt und ein Widerstandsepos geschrieben.

Sie haben Barrikaden der Freiheit gegen den Vorstoß der Banden auf Til Temir errichtet, den diese nach ihrer Niederlage in Til Hemis und Til Barak vorgenommen hatten. Sie haben die Pläne der Banden Til Temir einzunehmen, den Weg Haseki unter Kontrolle zu nehmen um neue Massaker zu verüben ins Leere laufen lassen.

Dem Vorstoß der IS wird immer noch mit einem großen Widerstand begegnet. Die Kräfte der MLKP, YPG und YPJ bauen eine unglaubliche Front des Widerstands auf. In Til Temir wird ein Epos geschrieben. Dieser Epos wird mit dem blutigen Tod der Frauen und Männer von MLKP-YPG und YPJ geschrieben.

Unsere Genossin Avaşin Tekoşin Güneş, die mit wahrem Namen Ivana Hoffman heißt, wurde am 1. September 1995 in Deutschland geboren. Sie hat mit jungen Jahren unsere kommunistische Jugend kennengelernt und in ihrer Stadt aktive Aufgaben übernommen; sie hat verschiedene Aufgaben im Kampf angenommen. Unsere aktive Kämpferin hat sich seit 6 Monaten in Rojava befunden und an verschiedenen Stellungen im Kanton Cizire Aufgaben angenommen. Zuletzt hat sie den Platz in den Einheiten angenommen die in Til Temir die Angriffe der Is zurückschlagen; seit dem ersten Tag war sie an erster Front.

Unsere Genossin Avaşin war eine Kommunistin die in die Freiheit verliebt war, die Rechenschaft fordern wollte. Eine Internationalistin die den Schmerz der Völker zutiefst fühlen konnte. Sie hat den Kampf der kurdischen und türkischen Völker gegen den Schmerz, gegen die faschistische Diktatur, gegen die Ausbeutung als ihre Lebensphilosophie angenommen. Sie liebte es kurdische Lieder zu singen. Sie sprach türkisch und kurdisch.

Avaşin legte alles aus dem Europa nieder, für das Menschen tausende von Dollar bezahlen um dort hinzukommen und nahm Platz an unseren Völkern und wurde mit ihrer Praxis ein Beispiel. Sie hat als internationalistische Kommunisten, dem Ruf der Revolution ihr Ohr gegeben. Sie ließ ihren Blick nach Kurdistan gleiten. Sie sah die Freiheit der kurdischen Gesellschaft als ihre eigene Gesellschaft an. Unsere Genossin Avaşin ist mit ihrer Haltung in den kommunistischen Arbeiten in Europa, ein Beispiel für die Loslösung von allen Fesseln ein Beispiel geworden. Statt eines anderen geordneten Lebens, hat sie sich für die Revolution entschieden.

Unsere Genossin Avaşin glaubte daran, dass die Revolution in Rojava ein Beispiel für die Region werden konnte und deshalb unbedingt leben müsse. Die Verteidigung der Revolution war eine Verteidigung für die Zukunft. Sie war nicht nur eine Kämpferin, gleichzeitig war sie ein Parteimitlied mit der Tendenz zu höheren. Es war ihr Traum nach der Revolution in Rojava Platz im Kampf in der Türkei und in Nordkurdistan zu nehmen. Sie war eine Sucherin der Freiheit.

Ihre Träume sind unsere Träume, ihr Weg ist unser Weg, ihr Gedenken ist unsere Würde.

Avaşin Tekoşin Güneş, ist unsterblich!!

Artikel auf rf-news.de: http://www.rf-news.de/2015/kw11/19-jaehrige-internationalistin-ivana-starb-im-kampf-gegen-die-faschistischen-is-banden-gefallen



Mit Putin gegen den Imperialismus?

Wolfgang Gehrcke, stellvertretender Vorsitzender der Linkspartei-Fraktion im Bundestag, will den russischen Präsidenten Wladimir Putin einladen. Ausgerechnet zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai soll demnach Putin im Bundestag sprechen. Gehrke stellt damit die imperialistische Politik des heutigen Russlands in eine Reihe mit dem Kampf der sozialistischen Sowjetunion gegen den Hitler-Faschismus. Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Menschen, die heute in Russland 60 Jahre nach der Restauration des Kapitalismus ausgebeutet und unterdrückt werden und für alle, die wirklich im Kampf gegen den Faschismus gefallen sind. Gehrke steht damit für eine revisionistische Richtung und eine Strömung innerhalb der Friedensbewegung, die die Rolle des russischen Imperialismus relativiert und sich oft sogar auf seine Seite stellt.

Kein fortschrittlicher Mensch käme auf die Idee, den menschenverachtenden US-Imperialismus aufgrund seiner fortschrittlichen Rolle im kolonialen Freiheitskrieg gegen Großbritannien derart zu relativieren. Aber ins Sachen Russland verschließen große Teile der DKP und auch der Linkspartei gerne die Augen vor der Realität. Dabei befinden sie sich in trauriger Gesellschaft z. B. mit der AfD.

Noch ist nicht endgültig bewiesen, ob auch die ultrareaktionäre AfD Gelder von Putin erhalten hat – so wie die faschistische Front National in Frankreich. Bekannt sind aber „Beratungstreffen“ zwischen AfD und russischen Diplomaten. Völlig zu Recht wird kritisiert, dass die EU/USA in der Ukraine mit Faschisten zusammenarbeiten. Aber Putin macht auch eine imperialistische Politik. Wie jeder Imperialist betreibt er neben seiner Betrugspolitik auch einen Abbau bürgerlich-demokratischer Rechte und eine Faschisierung des Staatsapparats im eigenen Land. Hinzu kommt eine aggressive Außenpolitik und dafür auch eine Zusammenarbeit mit Faschisten und Reaktionären in anderen Ländern. Seine Machtpolitik tarnt er mit imperialistisch-pazifistischen Sprüchen, spielt sich als Kämpfer für Freiheit und Demokratie auf usw.

In ihrer Geringschätzung der Massen können sich die Putin-Freunde nur vorstellen, sich entweder dem einen oder dem anderen Imperialisten unterzuordnen.
Der Ausweg für die Massen ist aber nicht der Sieg der einen oder anderen reaktionären Seite der Herrschenden, die sie unterdrückt und ausbeutet. Notwendig ist ein Kampf gegen jegliche imperialistische Einmischung und gegen die eigene Regierung, für demokratische und soziale Rechte mit der Perspektive des echten Sozialismus – in der Ukraine, in Russland, in der EU, den USA .

aus Rote Fahne 7/2015: http://rotefahne.info



Kurdistan: Es geht um Solidarität mit Menschen, die kämpfen!

Interview mit Nilüfer Koç, Ko-Vorsitzende des Kurdischen Nationalkongresses, einem Zusammenschluss von 45 kurdischen Organisationen, vom 25. August 2014. Nilüfer Koç befindet sich gegenwärtig in Erbil (Irakisch-Kurdistan).

Interview Nilüfer Koc

Kamen die Angriffe der ISIS/„IS“ („Islamischer Staat“) auf Sindschar überraschend?
Nachdem ISIS im Irak die Stadt Mossul eingenommen hatte, hat sie systematisch ihre Expansionsbestrebungen auf Irakisch-Kurdistan gerichtet. Seit zwei Jahren versuchte man die kurdische Autonomie, die in Rojava ausgerufen wurde, von der Landkarte wegzubekommen. Allerdings ist es der ISIS nicht gelungen, die Demokratische Autonomie von Rojava zu besiegen. Weshalb sie jetzt ihren Krieg auf Irakisch-Kurdistan verlagert hat.
Etwa zwei Wochen vor der Einnahme von Mossul hat die ISIS versucht, die gesamte Grenzlinie zwischen Syrien und dem Irak einzunehmen. Zwei Wochen, bevor Sindschar angegriffen wurde, hatten bei den Kämpfen an diesen beiden Frontlinien die YPG (Volksverteidigungskräfte Rojavas) und YPJ (Einheiten der Frauen) die ISIS dort zurückgeschlagen. Der Angriff auf Sindschar war also auch ein Racheakt.
Die ISIS hatte vor, nach Mossul auch Sindschar einzunehmen und von da aus sich weiter über Kirkuk/Erbil und weiter zentral nach Irakisch-Kurdistan sowie Irak zu verlagern.
Die PKK hatte bereits lange Zeit, bevor die ISIS Sindschar angegriffen hat, die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) unter Führung Barzanis über diese Absichten informiert und sie darum gebeten, dass das Gebiet um Sindschar gesichert wird. Die KDP hatte zugesichert, es würde keine Probleme geben.

Wer stoppte schließlich die Angriffe auf die Menschen in Sindschar – die USA, die Peschmerga-Einheiten, oder waren es die YPG-Truppen gemeinsam mit der PKK-Guerilla?

Ich war zu der Zeit in Erbil und habe persönlich die ganzen Entwicklungen Stunde für Stunde mitbekommen. Als in der Nacht zum 3. August Angriffe auf Sindschar stattfanden und die Peschmergas der KDP nicht in der Lage waren zu verteidigen, konnten die Gruppen der YPG und YPJ, die in der Nähe waren, schnell intervenieren.
Das erste, was diese kleineren Einheiten gemacht haben, war der Versuch, einen sicheren Korridor von der Stadt in die Bergregion zu eröffnen. Durch ihren Begleitschutz konnten Tausende von Menschen Schutz in den Bergen finden. Am dritten Tag gab es Verstärkung, als die PKK ihre eigenen Einheiten dorthin geschickt hat im Einvernehmen mit der kurdischen Regierung und damit auch der KDP.
Die Peschmergas sind nicht ausgerüstet gewesen für einen Kampf gegen eine terroristische Organisation wie die ISIS, denn diese wenden Guerillataktiken an. Zum anderen haben die YPG/YPJ und die PKK mehr Erfahrungen mit der ISIS aus dem zweijährigen Kampf gegen diese terroristischen Einheiten. Sie waren flexibler, waren fähiger gewesen, diese zu bekämpfen.
Die Intervention der USA war sehr, sehr spät. Erst als die YPG/YPJ und die PKK breite Flächen von Sindschar unter Kontrolle hatten und bereits angefangen hatten, yezidische Kurden für die Selbstverteidigung zu trainieren. Weder in Sindschar noch in Maxmur war die Intervention der USA der ausschlaggebende Punkt. Die USA schickten am vierten Tag ihre Kriegsflugzeuge, als die ISIS ohnehin zum größten Teil überwunden war. Die Flugzeuge waren zur Einschüchterung der ISIS geschickt worden. Aber diesen Kampf haben eindeutig die Kurden gewonnen. Und zwar muss ich sagen, es sind die Guerilla der PKK, die Peschmergas der KDP und PUK (Patriotische Union Kurdistans), die gewonnen haben. Später dann mit der Unterstützung der YPG/YPJ ist es gelungen, das Gebiet innerhalb von zwei Wochen zum größten Teil von der ISIS zu befreien.

Inwieweit gelingt es, eine gemeinsame antifaschistische Front gegen die faschistischen Terrortruppen aufzubauen?

Die Schmerzen, die wir als Kurden in den Morden in Sindschar erfahren haben, haben uns dazu veranlasst, nach dem Angriff auf Maxmur am 7. August anders heranzugehen. Und zwar in koordinierter Arbeit das Gebiet zu verteidigen. Da ist es zum ersten Mal dazu gekommen, dass auf Drängen der PKK die KDP und die PUK gemeinsam Maxmur geschützt und verteidigt haben, das war ein Erfolg. Der Erfolg lag mehr im Politischen und Sozialen. Sobald die Menschen in Erbil und anderen Städten Irakisch-Kurdistans erfahren haben, dass die ISIS jetzt nach Maxmur vorgerückt ist, 45 Minuten von Erbil entfernt, haben die Menschen angefangen, Erbil in der Nacht zu verlassen. Aber als sie am nächsten Morgen erfuhren, dass gemeinsam gekämpft wird, sind die Menschen zurückgekommen und haben gesagt, wenn die PKK da ist, dann sind wir geschützt.
Das gleiche fand in Kirkuk, statt, wohin die PKK ihre Guerilla im Einvernehmen mit der kurdischen Regierung geschickt hat. Es wird jetzt versucht, an vielen Fronten gemeinsam Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Ich denke, der Erfolg geht nicht nach Washington, sondern an die Kurden selbst. Natürlich war es wichtig, dass internationale Unterstützung im humanitären Bereich sofort zugesagt worden ist. Also es gab eine immense Solidarität, auch von NGOs von der Zivilgesellschaft in Europa. Aber auch aus der Haltung der Staaten kommt die Botschaft heraus, das ist jetzt zu viel.
Die ISIS muss radikal bekämpft werden und deswegen ist es wichtig, dass die Völker, sobald sie mit der ISIS konfrontiert werden, in der Lage sind, sich zu schützen. Das wird über Milizen gemacht werden, Freiwillige, die sich bereit erklären, sich zu organisieren. Tausende von jungen Männern und Frauen werden jetzt in Sindschar ausgebildet, eine Milizenschaft mit dem Namen YBS (Einheit der kurdischen Ezidi), ein natürlicher Selbstschutzmechanismus.

Was sind die besonderen faschistischen Terrormethoden der ISIS/“IS“?
Bei der ISIS basiert ihre Kriegsführung zu einem großen Teil auf psychologischer Manipulation, das heißt, bevor sie kommen, geben sie bereits ihren Ruf über die sozialen Medien an die Menschen: „Wir kommen, um zu schlachten und eure Frauen zu rauben!“. Und es werden Aufnahmen von solchen brutalen Morden gezeigt. Dieses Konzept sieht vor, dass man zunächst die Moral des Gegners bricht und einen Angstzustand erzeugt. Militärstrategisch setzt die ISIS auf die Strategie, einen Krieg ohne zu kämpfen zu gewinnen. Ihre Kämpfer richtet sie ideologisch auf den Salafismus aus. Es geht hier um einen unvorstellbaren Fanatismus, bei der die ISIS sehr viele Selbstmordattentäter rekrutieren kann.
Den Peschmergas ist die ISIS mit dieser Identität fremd. Das war leider einer der Gründe, warum die Peschmergas, ohne die Leute zu schützen, diese am 3. August am frühen Morgen verlassen haben und nur sich selbst retten wollten. Die ISIS mit ihrer Einschüchterungsmanipulation verübt nach eigenen Aussagen „in der Tradition des orthodoxen Islam“ brutale Akte, die im Grunde nichts mit dem Islam zu tun haben. Die ISIS nährt den Boden für Islamophobie.
Eine der wichtigsten Einschüchterungsmethoden der ISIS ist der Raub von Frauen und Vergewaltigung, auch weil sie wissen, dass Frauen in unserer Region, also auch in Irakisch-Kurdistan, als Ehre der Familie, des Stammes und des Mannes gelten. Diese systematischen Vergewaltigungszeremonien und Raub von Frauen sind Bestandteil ihres Verständnisses von Kriegsbeute, was sie als „ganimet“ bezeichnen. Dadurch schüchtern sie die Menschen ein, nicht Widerstand zu leisten, denn die Message ist, „wenn ihr Widerstand leistet, wird das euren Frauen passieren“. Wir sprechen hier von einem systematischen Feminizid, d. h sexistischem Terror. Geraubte Frauen und Kinder (Mädchen) werden auf öffentlichen Auktionen in Mossul und Tel Afar versteigert.
Sobald man hört, die ISIS ist irgendwo in der Nähe, fliehen die Menschen. Dem waren weder die Peschmergas noch die politischen Parteien noch die Bevölkerung Irakisch-Kurdistans gewachsen, weil sie in den letzten zwei Jahren zum größten Teil die Augen gegenüber den Entwicklungen im syrischen Teil Kurdistans geschlossen hatten. Bis auf einige Parteien wie die PUK (Patriotische Union Kurdistans).
Außerdem hat die KDP ein strategisches Bündnis mit der Türkei. Deshalb war sie relativ gelassen, weil sie davon ausging, das Bündnis mit der Türkei würde sie vor ISIS-Angriffen schützen, da die Türkei über verschiedene Wege die ISIS unterstützte.

Eine Frage wird in den Medien in Deutschland meist ausgeblendet: Wer unterstützt eigentlich die ISIS/„IS“ und warum?
Die Türkei war einer der Unterstützer der ISIS. Die Türkei hatte von vornherein die Konzeption, „wir werden es verhindern, dass die Kurden in Syrien eine Autonomie erlangen“, und hat dieses auch, zuvor über die Al Nusra, aber seit einem Jahr über die ISIS versucht zu verhindern. Die ISIS ist ein Instrument der sogenannten sunnitischen Front, die im Hintergrund von verschiedenen Staaten unterstützt wird, auch westliche Staaten sind indirekt mit im Boot. Die Frage ist, wer finanziert die ISIS? Woher bekommt sie diese ganzen Waffen? Sie verfügt über schwere Artillerie und diese Artillerie ist nicht nur aus Mossul. Vor Mossul hat sie auch mit schwerer Artillerie in Syrien gegen die Kurden gekämpft. Woher kommen die ganzen Kämpfer, wie können sie die Grenzen einfach problemlos passieren? Die Grenze von der Türkei nach Syrien, die Grenze vom Irak nach Syrien. Wer erlaubt es ihnen? Die Grenze von der Türkei nach Syrien ist sehr stark kontrolliert, wie passiert es dann, dass sie so freien Lauf haben, die Grenze zu passieren? Oder die meisten fliegen über Istanbul aus europäischen Ländern ein. Warum werden diese Anwerbungen in europäischen Ländern nicht verhindert? Während die Türkei als NATO-Mitgliedsstaat die ISIS unterstützt, spricht man von der finanziellen Unterstützung aus Saudi-Arabien, Jordanien, Katar, den Golfstaaten. Alle diese Staaten sind enge Bündnisstaaten der USA und auch der EU.
Zwei Jahre lang haben sowohl die USA als auch viele europäische Staaten vor dem Terror der ISIS in Rojava die Augen zugedrückt. Und die Türkei ist auch nicht ausreichend gerügt oder kritisiert worden, wegen ihrer Haltung zur Unterstützung der ISIS oder anderer Staaten. Aber das Problem der ISIS ist noch lange nicht geklärt, weil sie ein Instrument ist. Jeder kann sie missbrauchen, der Einfluss auf die ISIS hat, inklusive auf indirekte Weise westliche Staaten. Dieses Instrument richtet sich dagegen, dass es zu einem neuen arabischen Frühling kommt oder einem kurdischen Frühling oder einem assyrischen Frühling. Dieser Krieg ist ein Krieg gegen die Völker, gegen die Frauen hier in der Region.
Ein anderes Problem hier ist, dass die ISIS in Irakisch-Kurdistan gefördert, unterstützt und auch politisch gelenkt worden ist von ehemaligen Saddam-Anhängern, ehemaligen hochrangigen Offizieren aus der Saddam-Armee. Diese fanden Nährboden bei den sunnitischen Arabern, die aufgrund der schiitischen irakischen Maliki-Regierung sowohl politisch als auch wirtschaftlich diskriminiert wurden. Das heißt, die wirtschaftliche Lage der sunnitischen Araber in Städten wie Felluca, Anbar und Mossul war sehr schlecht. Das heißt, die politische und wirtschaftliche Diskriminierung hat zu einem Elend unter diesen Menschen geführt, was auch eine Basis für die Unterstützung der ISIS geschaffen hat. Nach den landesweiten Wahlen im Irak im April hatte Maliki erneut Stimmen zugelegt. Die Reaktion der sunnitischen Araber waren die Aufstände in Felluca und Anbar. Es war eine Frage der Zeit, dass Ähnliches in Mossul hätte passieren können. Die ISIS-Führung besteht zum größten Teil aus irakischen Arabern, die hohe Ämter während Saddam bekleideten und aus dem Irak nach Syrien geflohen waren. Die Grundsteine der ISIS sind einst im Irak gelegt worden. ISIS konnte die sunnitisch-arabischen Stämme für sich gewinnen, da sie ihnen „ganimet“, also Kriegsbeute und erneute sunnitische Herrschaft, versprach. Gerade auch in Sindschar wurden viele sunnitisch-arabische Stämme dadurch motiviert, dass sie teilhaben werden an der Kriegsbeute. Dazu zählte nicht nur Eigentum von den Kurden, sondern auch die Frauen und Kinder der Kurden. Das ist einer der Gründe gewesen, warum man viele der sunnitisch-arabischen Stämme motivieren konnte.
In Syrisch-Kurdistan hat man ein anderes „Experiment“ vorgenommen. Alle Völker dort, alle Religionsgemeinschaften sind nicht über eine kurdische Führung politisch entmündigt worden, sondern das Gemeinsame ist in den Vordergrund gestellt worden. Auch viele sunnitische Araber sind im syrischen Teil Kurdistans mit in diesem autonomen Kanton, sitzen in Entscheidungsgremien. Im Irak entwickelt sich unter Kurden und anderen Nicht-Arabern dagegen eine anti-arabische Stimmung und das ist sehr problematisch dort. Es ist zwar ein Fakt, dass viele arabische Stämme gerade bei den Morden an den Yeziden mitgemacht haben, aber genauso gab es auch in Maxmur, das nach Sindschar angegriffen worden ist, nachbarschaftliche Verhältnisse. Aber aufgrund dieser Geschichte mit der Kriegsbeute ist es dann so gewesen, dass viele Araber mitgemacht haben bei den Morden an den Kurden. Für uns vom Kurdischen Nationalkongress ist es nach wie vor wichtig, die Menschen im Sinne der Völkerfreundschaft aufzuklären und zu organisieren.

Interview aus „Rote Fahne“: http://www.rotefahne.info